Livereview: Frontiers Rock Festival 2017

29.-30. April 2017, Trezzo sull’Adda, Italien
By Juliane E.


Die mittlerweile vierte Ausgabe des labeleigenen Festivals von Frontiers Records hatte in diesem Jahr ein Lineup der wahren Extraklasse zu bieten! Steelheart, LA Guns, Tyketto, Revolution Saints, Eclipse, Crazy Lixx und viele mehr. Dies zog auch in diesem Jahr nicht nur italienisches Publikum, sondern Fans aus ganz Europa nach Trezzo nahe Mailand. Mit einem relativ gut organisierten Einlass war der Live Club zur ersten Band um 15 Uhr schon sehr gut gefüllt.


Die Eröffnungsehre hatten PALACE. Die Schweden um Sänger Michael Palace hatten ihr Debütalbum „Master Of The Universe“ im Gepäck und absolvierten ihren bisher zweiten Liveauftritt überhaupt. Dementsprechend wirkte die Show zum Teil noch etwas holprig, es gab kleine technische Schwierigkeiten und Sänger Michael schien etwas nervös. Womöglich waren deshalb seine Vocals im Titeltrack „Master Of The Universe“ bei den hohen Tönen ziemlich grenzwertig. Nun ja, mit etwas Übung wird Palace zukünftig bestimmt überzeugender. Als Festivalopener haben sie sich trotzdem gut geschlagen und bekamen nach ihrem 35 Minuten Set regen Applaus.

Als anschließend die Newcomer ONE DESIRE mit ihrem Ohrwurm-Opener „Hurt“ die Bühne enterten, war schnell klar: Im Vergleich zur vorherigen Band lagen dort Welten dazwischen. Die jungen Finnen wirkten von Anfang an hochprofessionell. Die Bühnenerfahrung waren ihnen anzumerken, nicht nur durch die aktuelle Tour im Vorprogramm von Eclipse, sondern auch aus früheren Bands, denn Sänger André Linman sang bereits in der erfolgreichen Teenie-Rockband Sturm und Drang. Die Songs des großartigen Debütalbums kamen live fantastisch an. Songs wie „Apologize“, „Love Injection“ und „Whenever I’m Dreaming“ wurden vom Publikum gefeiert und André Linman legte trotz gesundheitlicher Probleme ein TOP Gesangsleistung hin. „Buried Alive“ schloss das kurzweilige, 40-minütige Set ab und man darf hoffen, noch viel von dieser tollen, vielversprechenden Band zu hören und zu sehen.


Schon als dritte Band durften CRAZY LIXX ran. Da Live Auftritte der Schweden in den letzten Jahren leider etwas seltener geworden sind, war die Vorfreude auf diesen Gig umso größer. Mit „Wild Child“, der ersten Single der neuen Scheibe „Ruff Justice“, bretterte das Fünfergespann im neuen Lineup mit voller Power los. Bei der gut sortierten Setlist gab es neben den neueren Songs natürlich auch alte Hits zu hören, von denen Crazy Lixx zu Genüge haben: „Blame It On Love“, „Hell Raising Women“, „Girl Of The 80s“, „Heros Are Forever“ und das neue “Walk The Wire” mit Klassikerpotential. Nach dem Wechsel beider Gitarristen wirkte die Band mit den Neulingen Jens Lundgren und Chrisse Olsson super eingespielt und die Spielfreude war allen anzusehen. Auch Bassist Jens Sjöholm heizte dem Publikum ordentlich ein. Sänger Danny Rexon fasste sich mit Ansagen recht kurz und überzeugte mit seiner gewohnt hervorragenden Gesangsleistung. Der Sound war nicht ganz optimal, doch das tat dem Spaß keinen Abbruch. Der 55 Minuten Gig verging wie im Flug und fand mit dem Partykracher „21 Til I Die“ einen glorreichen Abschluss.


Die Schweden gaben sich praktisch die Klinke, denn ECLIPSE standen als nächstes auf der Running Order. Eclipse habe ich nun schon mehrfach gesehen und es ist kaum auszumachen, welches ihr bestes Konzert war. Man glaubt wohl immer, die letzte Show war die beste, weil sie einen einfach immer umhauen und man eine Steigerung gar nicht für möglich hält. Dem Schema folgten sie auch beim Frontiers Rock Festival. Mit „Vertigo“ und „Never Look Back“ vom neusten Werk „Monumentum“ eröffnete das Quartett und bewies seine Klasse, allen voran Goldkelchen Erik Mårtensson. Manche Menschen scheinen wirklich für die Bühne geboren zu sein und Erik ist definitiv einer der wenigen! Von der ersten Sekunde an zieht er die Menge in seinen Bann und lässt sie mit seiner überragenden Stimme und seiner sympathischen Ausstrahlung nicht los. Doch ein Top Frontmann funktioniert natürlich nur mit top Instrumentalisten perfekt. Und die sind mit Gitarrist Magnus Henriksson, Bassist Magnus Ulfstedt und dem immer noch als „neu“ vorgestellten Philip Crusner auch wirklich vorhanden. Mit „Battlegrounds“, dem fantastischen „The Storm“ und „I Don’t Wanna Say I’m Sorry“ vom Vorgänger „Armageddonize“ und „Runaways“ reihte sich ein Kracher nach dem anderen. Derzeit auf „Monumentum“ Tour präsentierten die Schweden viel Material vom neusten Album: „Downfall Of Eden“ und „Black Rain“ brachten richtig Power und bei „Jaded“ gab sich special guest Michele Luppi (Keyboarder u.a. bei Whitesnake) die Ehre und sang diesen gemeinsam mit Erik. Eclipse hinterließen im Publikum reihenweise strahlende Gesichter, erhielten sehr viel Applaus und waren sicherlich nicht nur für mich DAS Highlight des ersten Festivaltages.


Anschließend kam mit den REVOLUTION SAINTS erneut viel Prominenz auf die Bühne. Das Projekt des Journey Drummers Dean Castronovo, Ex-Whitesnake/The Dead Daisies Gitarrist Doug Aldrich und Bassist/Sänger Jack Blades (Night Ranger, Damn Yankees) brachten Songs ihres hoch gelobten, selbstbetitelten Albums von 2015 auf die Bühne. Eröffnet wurde gleich mit dem stärksten Track „Back On My Trail“. Nach den eigenen Liedern kamen zum Schluss noch ein paar Songs ihrer Stammformationen: „Love Will Set You Free“ (Whitesnake), „Coming Of Age“ der Damn Yankees und Journey’s „Higher Place“ vom „Arrival“ Album. Dean Castronovo’s tolle Gesangsstimme ist auch live ein Genuss. Teilweise sang er hinter dem Schlagzeug sitzend, doch zum Teil kam er auch vorne an’s Mikro und wurde am Schlagzeug ersetzt. Definitiv sehenswert, wenn auch nicht so mitreißend wie die beiden Vorgänger.

Eine ganz besondere Show gab es vom Co-Headliner TYKETTO, welche zuvor bereits angekündigt hatten, das komplette „Don’t Come Easy“ Album live zu spielen. Allerdings fingen sie mit „Sail Away“ an und spielten die Songs in umgekehrter Reihenfolge, damit das Publikum nicht schon nach ihrem Überhit „Forever Young“ abhauten, wie uns Danny Vaughn aufklärte. Und das funktionierte wunderbar und das herrlich melodiöse „Sail Away“ entpuppte sich zum tollen Opener. So enthielt das Set neben den großen Hits wie „Wings“, „Lay Your Body Down“ und „Burning Down Inside“ auch einige seltener gehörte Tracks wie „Strip Me Down“, „Nothing But Love“, „Walk One Fire“ und „Seasons“. Die ganze Band war gut aufgelegt und Danny Vaughn blickte angesichts des 26. Jubiläums von „Don’t Come Easy“ emotional zurück auf die Anfänge der Band. Er erzählte augenzwinkernd über seine angepassten Ziele und materiellen Bedürfnisse, wie sich z. B. die Größe des Hauses und des Autos als Erfolgsmerkmal des Rockstarlebens stetig verkleinert und er nun aber mit seinem Toyota Yaris sehr zufrieden ist. Im Namen der Band bedankte er sich bei allen Fans für die Treue. Es bedeute ihnen sowieso am meisten, zu sehen, wie ihre Songs Menschen durch’s Leben begleitet und berührt haben. Darauf folgte mit „Standing Alone“ der Song, der wohl besonders viele berührte und wurde zum fantastischen Showhighlight. Zum Abschluss gab’s noch „Rescue Me“ sowie die Titeltracks der beiden letzten Alben „Dig In Deep“ und „Reach“. Toller Auftritt, der für ein DVD Release aufgezeichnet wurde und den somit bald auch Nichtanwesende im heimischen Wohnzimmer genießen dürfen.

Die Headliner Position des ersten Tages war mit einer echten Live-Rarität besetzt. Es zog wirklich jeden vor die Bühne, um STEELHEART, die Band um Ausnahmesänger Miljenko Matijevic mal live zu erleben. Mit „Blood Pollution“ und „Livin The Life“ vom Rockstar Soundtrack ging’s gleich in die Vollen. Sogar den neuen Track „My Dirty Girl“ des im Herbst erscheinenden Albums gab es zu hören. Spätestens bei „She’s Gone“ merkte wohl jeder, dass er es immer noch kann – stimmlich einfach nur WOW!!! Doch es folgt ein großes Aber… Denn schon nach drei Songs ein Instrumental über gefühlte 10 Minuten und ständige Pausen sogar innerhalb der Songs haben die anfänglich gute Stimmung leider schnell kaputt gemacht. Eine Interaktion mit dem Publikum gab es praktisch gar nicht. Mili (und seine Mitstreiter im Hintergrund) zog seine Show ab, lief immerzu auf der Bühne umher und wirkte gänzlich unsympathisch, ja sogar schon etwas arrogant und desinteressiert. So lichteten sich die Reihen zeitweise etwas, bevor die zwei Kracher „I’ll Never Let You Go“ und „We All Die Young“ die Stimmung nochmal in die Höhe trieb. Augen zu und träumen! Da reicht wirklich das Zuhören, denn unterhaltsam war die Show leider nicht. Nun ja, je größer die Vorfreude, desto höher das Risiko enttäuscht zu werden. Und das waren nach Steelheart ganz sicher einige Leute.


Nichtsdestotrotz hatte das Frontiers Rock Festival einen wahnsinnig starken ersten Festivaltag zu bieten, welcher kaum Verschnaufpausen zuließ. Der zweite Tag hatte da zwangsläufig ein etwas schwächeres Billing, doch das birgt bekanntlich auch Raum für Überraschungen.


Die Newcomer CRUZH durften den zweiten Festivaltag eröffnen. Die Südschweden hatten ihr selbstbetiteltes Debütalbum im Gepäck und feierten in Trezzo ihren allerersten Live Auftritt, für den sogar die Eltern der blutjungen Musiker angereist waren. Zwar war ihnen die Unerfahrenheit und etwas Nervosität anzumerken, doch für ihr Live Debüt schlugen sie sich wirklich gut. Die Songs „First Cruzh“, „Aim For The Head“ und die Bon Jovi Hommage „In And Out Of Love“ gingen in’s Ohr und schafften eine guten Start in den zweiten Tag.


Mit ihrem wunderbaren aktuellen Album „A World Of Fools“ freute ich mich auf LIONVILLE ganz besonders. Und das italienisch-schwedische Gespann konnte mich auch live voll überzeugen! Zauberhafte Melodien, großartige Songs und ein phänomenaler Sänger. Lars Säfsund zuzuhören und zuzusehen war magisch. Mit seiner ruhigen, aber immensen Ausstrahlung , dem gefühlvollen Gesang und seinem ansteckenden Lächeln hat er die Zuschauer in seinen Bann gezogen. Neue Songs wie „I Will Wait“, „Show Me The Love“, „A World Of Fools“ oder „Bring Me Back Our Love“ waren live genauso fantastisch. Bei “Power Of My Dreams” durfte Gitarrist und Songschreiber Stefano Lionetti auch mitsingen und wirkte vollkommen glücklich, aber auch etwas nervös und leicht unbeholfen bei den Ansagen. Ein großartiger Auftritt! Es ist fast schon etwas schade, dass diese hoch professionelle und hoch qualitative Band „nur“ an zweiter Spielposition stand, hätten sie eine höhere Position mehr als verdient.

So hätte die Position mit den anschließenden ADRENALINE RUSH gerne getauscht werden können. Die junge schwedische Band um Sängerin Tåve Wanning hatten ihr Live Debüt beim allerersten Frontiers Rock Festival und durften –in geänderten Band-Lineup- 2017 wieder ran. Mit „Adrenaline“ und der Single „Love Like Poison“ vom aktuellen Album „Soul Survivor“ gaben die Schweden von Anfang an Power auf der Bühne. Allerdings bin ich, ehrlich gesagt, kein so großer Fan von Frauengesang und das änderte sich auch mit diesem Auftritt leider nicht. Musikalisch kann man echt nichts aussetzen, doch stimmlich war es absolut nicht mein Fall und teils ziemlich schrill. Nun ja, es muss einem ja nicht alles gefallen.

Da der erste, anstrengende Festivaltag seine Spuren hinterlassen hat, gönnte ich mir bei Kee Marcello und Unruly Child schweren Herzens eine Verschnaufpause, um für die Co-Headliner wieder fit zu sein.

Die L.A. GUNS versprachen einen denkwürdigen Live Auftritt, denn erst kürzlich ist Tracii Guns wieder zur Formation des Sängers Phil Lewis dazu gestoßen. Dementsprechend groß war der Andrang im Live Club Trezzo. Die US-Hard Rocker ließen sich nicht lange bitten und fackelten mit „Mercy“ und „Electric Gypsy“ gleich regelrecht die Bühne ab, gefolgt von Hits wie „Sex Action“, „Bitch Is Back“, „One More Reason“ oder „Malaria“. Hatte mich L.A. Guns nur mit dem sympathischen Phil Lewis beim letztjährigen Sweden Rock Festival schon umgehauen, war es nun ein Genuss, die Band mit Gründungsmitglied Tracii Guns an der Gitarre zu erleben und machte einfach nur Spaß. Natürlich sind beide in die Jahre gekommen, doch sind sie immer noch sichtlich mit Herzblut dabei und leben dies aus. Und im Gegensatz zu manch anderen alternden Rockstars kauft man ihnen das optisch auch noch voll und ganz ab, ohne albern zu wirken. Bei der 75 minütigen „Powerparty“ durfte selbstverständlich auch nicht die herrliche „Ballad Of Jayne“ als Zugabe fehlen. Ihr jungen Bands – seht und lernt! Klasse Auftritt!!! Für mich der Headliner!

Der Festivalabschluss blieb TNT zu Teil. Die Norweger, wieder mit Sänger Tony Harnell vereint, waren für viele Besucher ein würdiger Headliner. Für mich hatten sie es nach dem starken Auftritt der L.A. Guns schwer. Und da ich die Band auch in der Besetzung bereits mehr als einmal gesehen hatte, hatten sie nicht mein ungeteiltes Interesse.

Wieder einmal bleibt ein durchweg und überaus positiver Eindruck des Frontiers Rock Festivals, welches nicht nur durch ein hochkarätiges Billing überzeugend kann, sondern sich vor allem durch seine unheimlich tolle Atmosphäre auszeichnet: ein toller Club in guter Lage und ausreichend Parkplätzen, gute Organisation und ein super angenehmes, lockeres Publikum aus ganz Europa. Die meisten Bands genossen ebenfalls die Stimmung auch waren auch nach ihren Gigs im Innen- und Außenbereich des Clubs unterwegs und waren für Fotos, Autogramme und Plaudereien immer zu haben. Zudem konnte man sich mit Merchandise und CDs zu humanen Preisen (max. 10€ pro CD) eindecken, auch wenn es etwas schändlich ist, dass die Alben einiger anwesenden Bands bei der Plattenfirma bereits nach einem halben Tag ausverkauft waren. Abgesehen davon ist der Veranstalter nur zu loben und das Festivals wärmstens zu empfehlen! Seien wir gespannt auf das Billing für 2018, doch enttäuschen kann es wohl kaum.